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Was ein Kursverlust von 9,5 Prozent über die Standortpolitik verrät

Am 12. Februar 2026 verlor die Aktie von Heidelberg Materials rund 9,5 Prozent und fiel auf den tiefsten Stand seit Oktober. Am Geschäft lag es nicht: Der Konzern hatte kurz zuvor ein Rekordergebnis vorgelegt. Auslöser waren Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz beim Gipfeltreffen der energieintensiven Industrien in Antwerpen, der europäische Emissionshandel müsse gegebenenfalls überarbeitet oder zumindest verschoben werden. Vom Allzeithoch Ende Januar bei 241,80 € summierte sich der Rückgang auf rund 21 Prozent.

Heidelberg Materials gehört zu den wenigen Konzernen der Branche, die früh in CO2-arme Produktionsketten investiert haben. Die gesamte Wirtschaftlichkeitsrechnung dieser Investition beruhte auf dem Emissionshandel. Als dessen Fortbestand zur Disposition gestellt wurde, bewertete der Kapitalmarkt binnen Stunden neu.

Das ist kein umweltpolitisches Ereignis. Es ist ein Preisschild für regulatorische Unzuverlässigkeit, ausgestellt für den Dekarbonisierungs-Vorreiter einer Branche, die niemand für grün hält.

Genau an dieser Stelle setzt das Gespräch von Prof. Dr. Hannah Trittin-Ulbrich und Dr. Martin Bethke mit Jürgen Trittin an. Der frühere Bundesumweltminister hat den Emissionshandel 2005 in Deutschland eingeführt und wurde 2006 mit dem Adam-Smith-Preis für marktwirtschaftliche Umweltpolitik ausgezeichnet. Für das Staffelfinale des „Wicked Problems“-Podcast haben sie ihn nicht nach Klimapolitik gefragt, sondern nach der Frage, die Geschäftsführungen derzeit tatsächlich beschäftigt: Wie entscheidet man unter regulatorischer Unsicherheit?

Drei Prozesse enden gleichzeitig und alle drei betreffen Ihre Absatzmärkte

Trittins Ausgangsdiagnose ist bewusst groß angelegt. Drei Entwicklungen laufen seiner Einschätzung nach parallel aus: die Ordnungsfunktion der alten Hegemonialmächte, das fossile Zeitalter und der Westen als politische Idee.

Für ein exportorientiertes mittelständisches Unternehmen ist das keine geopolitische Fingerübung, sondern eine Aussage über Absatzmärkte. Das deutsche Erfolgsmodell der vergangenen Jahrzehnte beruhte auf einer sehr konkreten Kombination: billige fossile Energie, exzellente Maschinen und offene Weltmärkte mit verlässlichen Regeln. Von diesen drei Voraussetzungen ist derzeit keine einzige unverändert verfügbar.

Die betriebswirtschaftliche Konsequenz lautet: Wer auf die Rückkehr dieser Konstellation wartet, wartet auf etwas, das strukturell nicht zurückkommt. Das ist kein Konjunkturtal, das man aussitzen kann.

Der Mechanismus, der Vorreiter in Deutschland ausbremst

Warum reagiert die deutsche Industriepolitik so, wie sie reagiert? Trittin beschreibt einen Unterschied in der Wirtschaftskultur, der sich in einem Satz zusammenfassen lässt:

In Deutschland ändert sich immer nur was, wenn auch der langsamste Teilnehmer mitgehen kann.

In den Vereinigten Staaten, so seine Gegenüberstellung, wird belohnt, wer vorangeht, es gibt eine Prämie für den Disrupteur. In Deutschland dagegen werden die Vorreiter so lange gebremst, bis auch der Letzte anschlussfähig ist. Der Fall Heidelberg Materials ist die Anwendung dieses Prinzips auf den Kapitalmarkt: Wer wettbewerbsfähig investiert hat, zahlt dafür, dass andere nicht mitgekommen sind.

Für Ihre eigene Investitionsrechnung folgt daraus eine unbequeme Asymmetrie. Wer vorangeht, trägt zwei Risiken: das gewöhnliche Marktrisiko und zusätzlich das Risiko, dass die Politik ihm nachträglich die Kalkulationsgrundlage entzieht. Wer abwartet, trägt nur eines.

Von der fossilen in die technologische Abhängigkeit

Der Preis dieses Bremsens lässt sich beziffern, und zwar in Wertschöpfung, die das Land verlässt.

Beispiel Offshore-Wind: Die Ausschreibung zum 1. August 2025 blieb erstmals in der Geschichte des deutschen Offshore-Ausbaus vollständig ohne Gebote. Auf Grundlage eines Kabinettbeschlusses vom 28. Januar 2026 wurden anschließend mit der Änderung des Flächenentwicklungsplans vom 30. Januar 2026 sämtliche für 2026 vorgesehenen Offshore-Ausschreibungen auf das Jahr 2027 verschoben. In diesem Jahr findet in Deutschland also keine einzige Offshore-Ausschreibung statt. Für die norddeutsche Zulieferkette bedeutet eine solche Lücke nicht eine Pause, sondern einen Kapazitätsabbau, dessen Wiederaufbau Jahre dauert.

Beispiel Photovoltaik: Nach dem Einbruch der deutschen Modulproduktion gingen über 100.000 Arbeitsplätze verloren. Heute steht dem europäischen Markt in weiten Teilen ein chinesisches Angebotsmonopol gegenüber. Bemerkenswert ist die Asymmetrie der öffentlichen Aufmerksamkeit: Über Stellenabbau bei einem Automobilkonzern wird wochenlang diskutiert, über den Verlust einer sechsstelligen Zahl von Arbeitsplätzen in einer Zukunftsbranche kaum.

Wie konkret die Abhängigkeit inzwischen ist, zeigt eine laufende Frist: Seit April 2026 sind Projekte mit Wechselrichtern aus Hochrisikoländern von EU-Fördermitteln ausgeschlossen. Betreiber EU-geförderter Anlagen mussten bis zum 1. Mai 2026 melden und müssen bis zum 1. November 2026 über einen Austausch entscheiden. Wer 2026 eine Photovoltaikanlage betreibt, hat das Thema Lieferkettensouveränität damit unmittelbar auf dem Tisch.

Der weltweite Trend spricht dabei nicht gegen, sondern für die Investition. 2024 waren nach Angaben der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien 92,5 Prozent der weltweit neu zugebauten Stromerzeugungskapazität erneuerbar. Die Kosten je Kilowattstunde aus Photovoltaik und Wind sind in weniger als zwanzig Jahren um mehr als 90 Prozent gefallen. Die Frage ist damit nicht mehr, ob sich diese Technologien durchsetzen, sondern nur noch, wo die Wertschöpfung dabei stattfindet.

Was „palliative Wirtschaftspolitik“ für Investitionsentscheidungen bedeutet

Für die politische Reaktion auf diese Lage hat Trittin einen Begriff geprägt, der im Gespräch fällt und hängenbleibt:

Machen wir uns Gedanken darüber, wie man ein nicht lebensfähiges Geschäftsmodell möglichst lange erhält. Ich nenne das immer palliative Wirtschaftspolitik. – Jürgen Trittin

Man kann diesen Befund an einer einzelnen Haushaltszeile nachvollziehen. Von den rund 4,3 Milliarden Euro, die der Emissionshandel Deutschland in diesem Jahr einbringt, fließen etwa 3 Milliarden in die Strompreiskompensation, also in die Entlastung bestehender Anlagen, nicht in die Investitionen, die den Umbau tragen sollen.

Hinzu kommt die Richtung der europäischen Regulierung. Der Reformvorschlag der EU-Kommission vom 17. Juli 2026 sieht für den Emissionshandel eine langsamere Absenkung der Emissionsobergrenze und mehr kostenlose Zertifikate vor; für die von der CO2-Grenzabgabe erfassten Sektoren soll die kostenlose Zuteilung erst 2038 statt 2034 auslaufen. Für Unternehmen, die bereits investiert haben, verschlechtert das die Rendite. Für Unternehmen, die noch nicht investiert haben, verlängert es die Unsicherheit.

Drei Antworten und warum nur eine trägt

In unseren Mandaten begegnen uns regelmäßig drei Reaktionsmuster auf diese Gemengelage:

  1. Abwarten, bis politische Klarheit herrscht. Betriebswirtschaftlich nachvollziehbar, strategisch teuer; der internationale Wettbewerb wartet nicht mit, und der Rückstand wird nicht linear, sondern über Skaleneffekte aufgebaut.
  2. Die Investition auf die aktuelle Förderkulisse optimieren. Das verlagert das politische Risiko, statt es zu reduzieren: Ändert sich die Förderung, ändert sich der Business Case.
  3. Die Investition so strukturieren, dass sie auch ohne regulatorischen Rückenwind trägt und der Rückenwind zum Bonus wird, nicht zur Bedingung.

Belastbar ist nur die dritte. Sie verlangt allerdings, dass regulatorische Kehrtwenden nicht als Störgeräusch behandelt, sondern als eigene Risikoposition kalkuliert werden, mit Szenarien, Sensitivitäten und einer ehrlichen Antwort auf die Frage, ab welcher Regeländerung das eigene Vorhaben kippt.

Beteiligung schlägt Kommunikation

Der zweite Teil des Gesprächs handelt nicht von Politik, sondern von Menschen und ist für Führungskräfte womöglich der praktisch verwertbarere. Trittin beschreibt eine Regelmäßigkeit, die jeder kennt, der in Norddeutschland Projekte entwickelt:

Nördlich von Hannover kommt die Bürgerinitiative, wenn der Windpark nicht kommt. Südlich von Hannover kommt die Bürgerinitiative, wenn er kommt.

Die Erklärung ist nicht kulturell, sondern ökonomisch. Im Norden haben Menschen die Erfahrung gemacht, dass auch kleine Einkommen sich an solchen Anlagen beteiligen können und dass sich das lohnt. Wo Beteiligung möglich ist, entsteht Zustimmung. Wo sie fehlt, hilft auch die beste Kommunikation nicht.

Besonders aufschlussreich ist dabei, wer im Emsland in Windenergie investiert. Es sind keine grün geprägten Milieus. Der Wahlkreis Unterems wird von Gitta Connemann (CDU) vertreten, der Vorsitzenden der Mittelstands- und Wirtschaftsunion. Die Menschen dort wählen mehrheitlich anders, als sie investieren, oder genauer: Sie investieren nach betriebswirtschaftlicher Logik, unabhängig davon, wie über das Thema politisch gesprochen wird.

Dasselbe Muster zeigt der Wärmemarkt. 2024, auf dem Höhepunkt der Debatte um das Heizungsgesetz, brach der Wärmepumpenabsatz um 46 Prozent auf 193.000 Geräte ein. 2025 stieg er um 55 Prozent auf 299.000 Geräte – erstmals war knapp die Hälfte aller in Deutschland abgesetzten Wärmeerzeuger eine Wärmepumpe. Verändert hat sich nicht die Moral, sondern die Rechnung.

Übertragen auf Unternehmen heißt das: Widerstand gegen Veränderung ist selten ein Informationsproblem. Er ist meist ein Beteiligungsproblem. Wer erklärt, warum eine Veränderung notwendig ist, überzeugt niemanden, der von ihr nichts hat.

Das erodierte Aufstiegsversprechen

Darunter liegt für Trittin eine gesellschaftliche Entwicklung, die auch in Belegschaften wirkt. Das Versprechen, dass Anstrengung zu Aufstieg führt, ist für viele Menschen unglaubwürdig geworden. Wo Aufstieg nicht mehr erwartbar ist, richtet sich Verhalten auf die Verteidigung des Erreichten aus. Jede Veränderung erscheint dann zuerst als Bedrohung des Status, nicht als Chance.

Für Transformationsvorhaben ist das die eigentliche Schwierigkeit. Sie erklärt, warum fachlich einwandfreie Programme an Belegschaften scheitern, die nichts gegen die Sache haben, aber alles gegen die Unsicherheit. Und sie erklärt, warum der moralische Appell die schlechteste aller Ansprachen ist. Trittins Plädoyer lautet, den Vorteil sichtbar zu machen, statt an die Einsicht zu appellieren.

Was Sie aus dieser Folge mitnehmen sollten

  • Regulatorische Unsicherheit ist keine politische Meinungsfrage, sondern eine kalkulierbare Risikoposition. Behandeln Sie sie im Investitionsantrag wie eine.
  • Prüfen Sie Ihre laufenden Vorhaben auf die Frage: Trägt der Business Case auch ohne den regulatorischen Rückenwind, auf den er gerade rechnet?
  • Wenn Sie EU-geförderte Photovoltaik betreiben, steht der 1. November 2026 im Kalender.
  • Akzeptanz für Veränderung entsteht durch Beteiligung, nicht durch Kommunikation, im Windpark wie in der Belegschaft.
  • Der moralische Appell ist die schwächste Form der Begründung. Der sichtbare Vorteil ist die stärkste.

Die ganze Folge hören

Das Staffelfinale von „Wicked Problems – Wissenschaft | Wirtschaft | Wandel“ mit Jürgen Trittin finden Sie auf Spotify und überall, wo es Podcasts gibt, oder Sie hören einfach hier schon einmal rein.

Stehen Sie vor einer Investitionsentscheidung unter regulatorischer Unsicherheit?

Wir arbeiten mit Geschäftsführungen, Beiräten und Eigentümerfamilien im Mittelstand daran, Transformationsvorhaben so zu strukturieren, dass sie auch bei wechselnden politischen Rahmenbedingungen tragen. Ein erstes Gespräch dauert 30 Minuten und kostet nichts: b-fect.com/termin

Das Fazit

Transformationen scheitern selten an dem, was in der Präsentation steht, sondern an dem, was zwischen den Menschen passiert. Wir arbeiten mit Geschäftsführungen, Beiräten und Eigentümerfamilien im Mittelstand daran, Transformationsvorhaben so zu strukturieren, dass sie auch bei wechselnden politischen Rahmenbedingungen tragen. Lernen Sie uns einfach in 30 Minuten kennen: Vereinbaren Sie jetzt Ihren Wunschtermin!

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Dr. Martin Bethke

20 Jahre Erfahrung im Top-Management in multinationalen Unternehmen, Start-ups und NGOs. Falls Sie Fragen zu diesem Artikel oder Interesse an einer Zusammenarbeit haben, schreiben Sie mir oder besuchen Sie mich auf LinkedIn.