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Es ist Donnerstagabend, kurz nach acht. Die Besprechung mit der Geschäftsführung lief gut, das Team hat geliefert, niemand hat etwas bemerkt. Trotzdem liegen Sie später wach und gehen im Kopf noch einmal die Mails durch, die morgen beantwortet werden müssen. Am Wochenende brauchen Sie bis Sonntagmittag, um überhaupt anzukommen. Und als ein Kollege fragt, wie es Ihnen geht, sagen Sie: „Viel los, aber alles gut.“

So beginnt Überlastung bei Führungskräften fast immer. Nicht mit einem Zusammenbruch, sondern mit kleinen Verschiebungen, die man sich leicht wegerklären kann. Wer sie früh erkennt, kann mit kleinen Hebeln gegensteuern. Wer sie übergeht, braucht später große.

Warum Führungskräfte Überlastung so spät bemerken

Führungskräfte sind darauf trainiert zu funktionieren. Sie geben Orientierung, fangen auf und lösen Probleme, auch die der anderen. Genau diese Stärke macht sie blind für die eigenen Grenzen. Dazu kommt, dass kaum jemand darüber spricht: Laut der Leadership-Studie 2026 der Haufe Akademie sprechen nur 24,5 Prozent der Führungskräfte Überlastung offen an. Die Personalentwicklung glaubt dagegen, dass es 43 Prozent tun. Die Belastung ist also da, aber sie bleibt unsichtbar, für die Organisation und oft auch für die Betroffenen selbst.

Deshalb lohnt es sich, nicht auf das große Signal zu warten, sondern auf die kleinen zu achten. Aus unserer Arbeit in Coachings und Führungskräftetrainings kennen wir neun, die immer wieder auftauchen.

Die neun Frühwarnsignale

Die Signale lassen sich in drei Gruppen ordnen: was der Körper meldet, was sich im Umgang mit anderen zeigt und was im Kopf passiert. Einzelne davon kennt jeder in anstrengenden Wochen. Aufmerksam sollten Sie werden, wenn mehrere über Wochen anhalten.

Was der Körper meldet

1. Erschöpfung, die nicht mehr weggeht. Sie sind am Abend ausgelaugt, auch an Tagen, an denen nichts Besonderes los war. Und eine Nacht oder ein Wochenende reicht nicht mehr, um wieder aufzuladen.

2. Schlaf, der nicht mehr erholt. Sie schlafen schlecht ein, wachen nachts mit Gedanken an die Arbeit auf oder stehen morgens müder auf, als Sie ins Bett gegangen sind.

3. Innere Unruhe. Nach außen wirken Sie ruhig, innen läuft der Motor weiter. Das Gefühl, jederzeit könnte etwas brennen, begleitet Sie auch in ruhigen Momenten.

Was sich im Umgang mit anderen zeigt

4. Gereiztheit. Kleinigkeiten bringen Sie schneller auf als früher, im Team oder zu Hause. Oft bemerken das andere zuerst. Wenn Ihnen jemand sagt, Sie seien „in letzter Zeit etwas kurz angebunden“, nehmen Sie das ernst.

5. Ständige Erreichbarkeit. Sie lesen abends und am Wochenende dienstliche Nachrichten, nicht weil es nötig ist, sondern weil das Nichtlesen unruhiger macht als das Lesen. Abschalten fällt dann besonders schwer.

6. Innere Distanz zur Arbeit. Dinge, die Sie früher begeistert haben, lassen Sie kalt. Erfolge hakt man ab und macht weiter. Diese Distanz ist oft eine Schutzreaktion auf lange Überlastung, kein Charakterzug, und sie ist eines der ernstesten Signale auf dieser Liste.

Was im Kopf passiert

7. Konzentration, die nachlässt. Sie lesen Mails zweimal, verlieren in Besprechungen den Faden oder merken, dass Sie ein Dokument nicht wirklich aufgenommen haben.

8. Entscheidungen, die liegen bleiben. Dinge, die Sie früher in fünf Minuten entschieden hätten, schieben Sie vor sich her. Der Stapel des Unentschiedenen wird zur zusätzlichen Last.

9. Sinkende Belastbarkeit. Was früher Routine war, kostet heute spürbar mehr Kraft. Eine Aufgabe, die Sie vor einem Jahr nebenbei erledigt haben, fühlt sich jetzt wie ein Berg an.

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Was jetzt hilft: drei Ebenen

Überlastung hat selten nur eine Ursache. Deshalb wirkt auch selten nur eine Maßnahme. Wir unterscheiden drei Ebenen, auf denen Sie ansetzen können.

Bei sich selbst: kleine Grenzen, die halten

Große Vorsätze scheitern unter Druck zuerst. Wirksamer sind kleine, feste Grenzen. Zum Beispiel ein Abend pro Woche, an dem Sie dienstlich nicht erreichbar sind und das Ihrem Team vorher sagen. Oder fünf Minuten am Freitag für die Frage: Was hat mich diese Woche Kraft gekostet, und was hat mir Kraft gegeben? Wer das ein paar Wochen notiert, sieht Muster, die man im Alltag übersieht.

Und wenn Schlafprobleme, Erschöpfung oder Niedergeschlagenheit seit Wochen anhalten, ist die Hausärztin oder der Hausarzt die erste Adresse. Das ist keine Schwäche, sondern Wartung.

Im Team: abgeben, was andere tragen können

Viele engagierte Führungskräfte erledigen Aufgaben selbst, weil es schneller geht oder weil sie es besser können. Kurzfristig stimmt das, langfristig macht es Sie zum Engpass. Geben Sie jede Woche bewusst eine Aufgabe ab, die jemand anders fast so gut kann wie Sie. Und klären Sie mit Ihrem Team, wofür Sie abends erreichbar sind und wofür nicht.

Im Unternehmen: Belastung zum Thema machen

Überlastung von Führungskräften ist nicht nur ein persönliches Problem. Unklare Prioritäten, zu große Führungsspannen und fehlende Entscheidungsrechte erzeugen Dauerlast, die keine Einzelperson auffangen kann. Das Arbeitsschutzgesetz verlangt in § 5 ausdrücklich, auch psychische Belastungen in der Gefährdungsbeurteilung zu erfassen. Führungsarbeit fällt dabei in vielen Unternehmen durch das Raster.

Ein einfacher Anfang: Stellen Sie einmal im Quartal im Führungskreis die Frage „Was kostet uns gerade am meisten Kraft?“, und lassen Sie die Geschäftsführung zuerst antworten. Wer verantwortet, wie Führungskräfte bei Ihnen arbeiten, findet im Belastungs-Check auf Weg B eine Bestandsaufnahme aus Unternehmenssicht.

Wann Unterstützung von außen sinnvoll ist

Manchmal reicht es, die Signale zu kennen und ein paar Gewohnheiten zu ändern. Manchmal steckt mehr dahinter: innere Antreiber wie Perfektionismus oder der Wunsch, allem gerecht zu werden, oder eine Lage, die sich allein nicht sortieren lässt. Dann hilft ein Blick von außen.

Fazit: früh hinsehen ist billiger als spät reparieren

Überlastung kündigt sich an, leise und über Wochen. Die neun Signale sind kein Grund zur Sorge, wenn sie einmal auftauchen, aber ein klarer Auftrag, wenn sie bleiben. Je früher Sie hinsehen, desto kleiner sind die Hebel, die Sie brauchen. Ein guter erster Schritt dauert vier Minuten: der Belastungs-Check für Führungskräfte.

FAQ: Überlastung bei Führungskräften

Woran erkenne ich, ob ich überlastet bin oder nur eine anstrengende Phase habe?

Am Verlauf. Anstrengende Phasen enden, und nach ein paar ruhigen Tagen ist die Energie zurück. Überlastung bleibt: Wenn mehrere der neun Signale über Wochen anhalten und Erholung nicht mehr wirkt, ist es mehr als eine Phase.

Ist Überlastung dasselbe wie Burnout?

Nein. Überlastung ist ein Zustand, aus dem man mit den richtigen Schritten wieder herauskommt. Burnout ist eine ernsthafte Erschöpfung, die medizinisch abgeklärt werden sollte. Die Frühwarnsignale helfen, rechtzeitig gegenzusteuern. Eine Diagnose ersetzen sie nicht.

Was kann ich sofort tun?

Eine Grenze setzen, die hält, etwa einen Abend ohne dienstliche Nachrichten. Eine Aufgabe abgeben. Und mit einer Person sprechen, der Sie vertrauen, idealerweise außerhalb Ihrer eigenen Linie.

Was kann das Unternehmen tun?

Belastung regelmäßig zum Thema machen, klare Prioritäten und Entscheidungsrechte schaffen, Regeln zur Erreichbarkeit vorleben und Führungsarbeit in der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung berücksichtigen.

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    Nicole Wehrmann

    Über 20 Jahre Erfahrung in Führung, Marketing & Kommunikation. Coachin mit Schnittstellenpraxis zw. Geschäftsführung, Vertrieb, Controlling, Marketing und Produktion.