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Scope 3-Emissionen sind die Emissionen, die entlang der gesamten Lieferkette eines Unternehmens entstehen. Anders als die direkten Emissionen (Scope 1) oder die eingekaufte Energie (Scope 2) betreffen sie alles, was außerhalb der eigenen Tore passiert: vom Rohstoff über den Transport bis zur Nutzung beim Kunden.

Die drei Scopes der CO₂-Bilanz im Überblick: direkte Emissionen, eingekaufte Energie und die Emissionen der Lieferkette

(Quelle: Rödl & Partner)

Für den Mittelstand bedeutet das: Der größte Teil der Klimabilanz liegt oft außerhalb des direkten Einflussbereichs. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass genau diese Scope 3-Emissionen in Unternehmensbilanzen häufig fehlen oder unvollständig sind. Gleichzeitig sind sie der entscheidende Hebel, um Kunden, Banken und Investoren von der eigenen Dekarbonisierung zu überzeugen.

Die 15 Kategorien, und warum meist drei davon genügen

Das Greenhouse Gas Protocol teilt Scope 3 in 15 Kategorien auf, acht davon vorgelagert (Einkauf, Transport, Geschäftsreisen, Pendeln der Beschäftigten) und sieben nachgelagert (Distribution, Nutzung und Entsorgung der verkauften Produkte). Wer alle 15 auf einmal erheben will, startet ein Projekt und bekommt in diesem Geschäftsjahr kein Ergebnis.

In der Praxis tragen fast immer dieselben drei Kategorien den Großteil: eingekaufte Waren und Dienstleistungen, Transport und Logistik sowie die Nutzung der verkauften Produkte. Bei einem Markenhersteller, den wir gerechnet haben, lagen rund achtzig Prozent des gesamten Fußabdrucks in diesen drei Kategorien. Das ist ein Einzelfall und kein Branchenschnitt, aber er zeigt die Größenordnung.

Wie groß der Abstand werden kann, zeigt auch eine Auswertung von CDP und der Boston Consulting Group: Unternehmen, die an CDP berichten, geben ihre Emissionen aus der Lieferkette im Mittel 26-mal so hoch an wie die Emissionen aus dem eigenen Betrieb.

Wie Sie Scope 3 schätzen, wenn Ihre Lieferanten keine Zahlen liefern

Das ist die häufigste Rückfrage, und sie hat eine Antwort, die ohne Projekt auskommt. Das Greenhouse Gas Protocol lässt für Scope 3 ausdrücklich Schätzungen zu und beschreibt dafür eine Reihenfolge von genau nach grob:

  1. Lieferantenspezifisch. Sie fragen den Lieferanten nach seiner Zahl für das gelieferte Produkt. Das ist die genaueste Angabe und bei größeren Lieferanten inzwischen oft zu bekommen.
  2. Über Mengen. Sie nehmen die eingekaufte Menge, also Tonnen Stahl, Kilogramm Kunststoff, Kilowattstunden, und multiplizieren sie mit einem veröffentlichten Emissionsfaktor.
  3. Über Ausgaben. Sie nehmen den Einkaufswert in Euro und multiplizieren ihn mit einem Faktor je Euro und Warengruppe. Das ist die gröbste Stufe und zugleich die, die jeder sofort rechnen kann, denn die Zahlen stehen bereits in der Kreditorenbuchhaltung.

Der praktische Weg für ein mittelständisches Unternehmen braucht einen Nachmittag, nicht ein Quartal:

  • Die zehn größten Kreditoren des letzten Geschäftsjahres aus der Buchhaltung ziehen. Sie decken in den meisten Betrieben den Großteil des Einkaufsvolumens ab.
  • Die drei größten davon anschreiben und nach ihrer Zahl fragen. Wer berichtspflichtig ist oder selbst beliefert wird, hat sie meistens.
  • Den Rest ausgabenbasiert rechnen, mit einem veröffentlichten Faktor je Warengruppe.
  • Transport und Produktnutzung getrennt schätzen, weil beide selten in den Einkaufszahlen stecken.

Und die Einschränkung, die dazugehört: Eine ausgabenbasierte Schätzung liefert eine Größenordnung, keine Bilanz. Sie reagiert auf Preise und nicht auf Emissionen. Wird Stahl teurer, steigt Ihr rechnerischer Fußabdruck, ohne dass eine einzige Tonne mehr ausgestoßen wurde. Für die erste Einordnung reicht das. Für einen Bericht, der geprüft wird, reicht es nicht.

Was Scope 3 Sie in Euro kostet

Für Scope 3 kaufen Sie keine Zertifikate. Diese Emissionen erscheinen bei Ihnen nicht als CO2-Posten, sondern als Materialpreis, als Frachtkosten und als Energiepreis Ihrer Lieferanten. Genau deshalb werden sie selten dort verhandelt, wo sie entstehen.

Drei Mechanismen sorgen dafür, dass dieser Preis steigt:

  • Der europäische Emissionshandel notiert Ende September 2026 bei rund 86 Euro je Tonne. Was wir vor wenigen Jahren als Szenario für 2030 gerechnet haben, ist der Preis von heute.
  • Der CO2-Grenzausgleich CBAM ist seit dem 1. Januar 2026 in der Definitivphase. Wer Stahl, Aluminium, Zement oder Düngemittel importiert oder verarbeitet, zahlt den europäischen CO2-Preis künftig auch auf importiertes Material, ansteigend bis 2034.
  • Der zweite Emissionshandel für Gebäude und Verkehr startet am 1. Januar 2028. Prognosen mehrerer Institute nennen für 2030 zwischen 120 und 149 Euro je Tonne.

Die Rechnung selbst ist eine Multiplikation: Tonnen mal Preis. Zur Veranschaulichung ein erfundenes Unternehmen mit 80 Mio. Euro Umsatz, 2.000 Tonnen CO2e in Scope 1 und 2 und 20.000 Tonnen in Scope 3:

CO2-PreisScope 1 und 2Scope 3zusammenAnteil am Umsatz
86 Euro, heute0,17 Mio. Euro1,72 Mio. Euro1,89 Mio. Euro2,37 %
120 Euro, Prognose 20300,24 Mio. Euro2,40 Mio. Euro2,64 Mio. Euro3,30 %
150 Euro, oberes Szenario0,30 Mio. Euro3,00 Mio. Euro3,30 Mio. Euro4,13 %

Die interessante Zahl ist nicht der Betrag, sondern die letzte Spalte. Eine Rechnungsposition von 1,89 Mio. Euro lässt sich verhandeln. Ein Anteil von 2,37 Prozent am Umsatz, der bis 2030 auf über vier Prozent steigt, ist eine Frage an die Marge. Und der weitaus größte Teil davon steht nicht in Ihren Anlagen, sondern bei Ihren Lieferanten.

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Wer ab wann nach Ihrer Zahl fragt

Seit dem 18. März 2026 ist berichtspflichtig, wer mehr als 1.000 Beschäftigte und mehr als 450 Mio. Euro Umsatz hat. Rund 80 Prozent der ursprünglich erfassten Unternehmen sind damit aus der Pflicht gefallen. Viele Mittelständler atmen auf, und das ist verständlich. Es greift nur zu kurz.

Denn zwei Dinge gelten gleichzeitig. Ihre großen Kunden berichten weiter, ohne jede Erleichterung. Und sie brauchen dafür Zahlen aus ihrer Lieferkette, also Ihre. Was sich geändert hat, ist der Absender der Frage: Bisher stand sie im Gesetz, jetzt steht sie in Verträgen und Ausschreibungen.

Am 3. Juli 2026 hat die Europäische Kommission dazu einen freiwilligen Berichtsstandard angenommen. Ab dem Geschäftsjahr 2027 darf ein berichtspflichtiges Unternehmen von einem Lieferanten mit weniger als 1.000 Beschäftigten nicht mehr verlangen, als dieser Standard abdeckt. Das klingt nach Schutz und ist auch einer. Es bedeutet aber ebenso: Was in diesem Standard steht, wird ab 2027 gefragt, von allen, in derselben Form. Aus dem individuellen Fragebogen, den man verhandeln konnte, wird eine Norm.

Im Basismodul des Standards steht die Angabe B3: der Energieverbrauch in Megawattstunden, getrennt nach erneuerbar und nicht erneuerbar, und die geschätzten Emissionen in Tonnen CO2e für Scope 1 und Scope 2. Scope 3 kommt erst im umfassenden Modul. Für Sie heißt das zweierlei: Die beiden kleineren Zahlen werden ab 2027 zur Routine. Und Ihr Scope 3 ist genau die Zahl, über die Ihr großer Kunde mit Ihnen sprechen wird, sobald er sie für seinen eigenen Bericht braucht.

Wettbewerbsvorteil durch Reduktion der Scope 3-Emissionen

Viele Unternehmen stehen vor drei Problemen: fehlende Daten, komplexe Lieferketten, knappe Ressourcen. Genau hier liegt aber auch die Chance. Wer Transparenz schafft, kann Risiken steuern, Kosten senken und Wettbewerbsvorteile aufbauen. Eine Studie von Roland Berger für den Schweizer Branchenverband Swissmem zeigt, dass

  • 79 % der Befragten eine Reduktion der Scope-3-Emissionen mit mehr Umweltschutz verbinden,
  • 73 % eine stärkere Marke als Ergebnis sehen,
  • 53 % glauben, dass ihr Unternehmen dadurch attraktiver für Arbeitnehmende wird,
  • 55 % die Erwartungen von Investor:innen und
  • 41 % den Druck von Kund:innen als Motivation nennen.

Weitere Informationen dazu in unseren Beiträgen:

Fazit: Scope 3 ist in den meisten Unternehmen der größte Teil der CO2-Bilanz und zugleich der Teil, den man schätzen darf. Sie brauchen kein Bilanzierungsprojekt, um anzufangen. Sie brauchen die drei größten Einkaufspositionen, einen veröffentlichten Faktor und den CO2-Preis von heute. Wer diese Zahl hat, bevor der erste Kunde danach fragt, verhandelt. Wer sie nicht hat, antwortet.

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Dr. Martin Bethke

20 Jahre Erfahrung im Top-Management in multinationalen Unternehmen, Start-ups und NGOs. Host des Podcasts Wicked Problems. Falls Sie Fragen zu diesem Artikel oder Interesse an einer Zusammenarbeit haben, schreiben Sie mir oder besuchen Sie mich auf LinkedIn.