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Wenn ESG eine „CFO-Logik“ haben sollen, braucht es eine Brücke zwischen Dekarbonisierung und Investitionslogik. In unserem Podcast "Wicked Problems" haben wir mit unserem Gast Axel Berger (Haniel) dazu gesprochen und es fiel dazu eine Aussage, die hängen bleibt:

Die Marginal Abatement Cost Analyse ist für ihn ein „Gamechanger“ – nicht, weil sie so komplex ist, sondern weil sie Returns auf Investitionen direkt mit Dekarbonisierung verknüpft und dadurch plötzlich CFO-Gespräche möglich werden.

Genau darum geht es hier: ein praxisnahes Playbook, mit dem man aus CO₂-Zielen ein priorisiertes Maßnahmenportfolio macht – inkl. Business Case je Maßnahme und einer Roadmap, die man umsetzen kann. Warum das gerade jetzt wichtig ist: CO₂-Kosten sind für viele Mittelständler längst eine harte wirtschaftliche Größe und werden u. a. durch Mechanismen wie BEHG, EU-ETS II, CBAM und steigende Anforderungen aus CSRD/ESRS getrieben. Aber fangen wir mal ganz vorne an.

Was ist eine Marginal Abatement Cost Curve (MACC) Analyse – in einem Satz?

Eine MAC-Analyse (Marginal Abatement Cost) vergleicht CO₂-Reduktionsmaßnahmen danach, wie viel CO₂ sie sparen und was sie pro Tonne CO₂ kosten (oder sparen) – und macht daraus eine Priorisierung wie in einem Investitionsportfolio. Der ganz praktische und konkrete Effekt: Es gibt weniger „ESG-Diskussion“ – und mehr Entscheidungen. Die wichtigsten Kostenfaktoren umfassen dabei:

  • Investitionskosten: Anschaffung und Installation der Lösung
  • Betriebskosten: Wartung und Energie über die Nutzungsdauer
  • Einsparungen: Reduzierte Energiekosten und vermiedene Umweltauswirkungen
  • Marginal-Effekte: Zusätzliche Ausgaben pro CO₂-Tonne

Steigende CO₂-Preise machen die MACC-Analyse immer wichtiger, um die Kostenentwicklung von CO₂-Preisen strategisch im Blick zu haben und nicht von der Kostenentwicklung überrascht zu werden.

Bevor du startest: 3 Regeln, die 80% aller Fehler vermeiden

  1. Keine Datenreligion: Du brauchst keine perfekte CO₂-Bilanz, sondern eine entscheidungsfähige.
  2. Scope 3 nicht verdrängen: In vielen Branchen liegt der größte Teil der Emissionen außerhalb des Werkstors.
  3. Portfolio statt PowerPoint: Eine Roadmap ohne Priorisierung, Abhängigkeiten und Governance bleibt ein Luftschloss.

Das Marginal Abatement Cost Playbook in 7 Schritten

Schritt 1: Zielbild & Scope definieren (worauf optimieren wir?)

Kläre drei wichtige Aspekte, bevor du auch nur Excel öffnest:

  • Was ist das Ziel: Compliance (CSRD), Kundendruck (z. B. SBTi), Kostensenkung, Resilienz – oder alles zusammen?
  • Wie sieht der Zeithorizont aus: 12–24 Monate (Quick Wins) vs. 3–7 Jahre (Strukturhebel).
  • Wo setzen wir Grenzen: Welche Werke, Business Units oder Produktlinien sind im Fokus? (Sonst wird’s unsteuerbar.)

Zum Beispiel könnte ein Ziel sehr klar operationalisiert werden: Das Unternehmen soll SBTi-verifizierte Ziele haben und dafür eine Roadmap bauen.

Das Ergebnis von Schritt 1: Ein 1-Pager „Scope & Zielbild“ (damit alle dieselbe Diskussion führen).

Schritt 2: Baseline erstellen (Emissionen + Kostenlogik)

Um die Baseline zu erstellen brauchst du zwei Dinge:

1. CO₂-Baseline: Mindestens grob nach Scope 1/2/3. Scope 3 ist häufig der „Blind Spot“ – aber oft der größte Hebel.

2. Kosten-Baseline: Damit MAC CFO-fähig wird, brauchst du eine Kostenlogik (z. B. Energiepreise, CO₂-Preis-Szenarien, Materialkosten, Logistikkosten). Dass CO₂-Kosten Margen beeinflussen, ist genau die Brücke, die CFOs verstehen.

Das Ergebnis von Schritt 2: Ein Hotspot-Bild (der Top-5 Quellen) und vereinbarte Annahmen.

Schritt 3: Maßnahmen-Backlog aufbauen (30–50 Kandidaten, 80/20)

Starte nicht mit „der perfekten Maßnahme“, sondern mit einem Backlog. Typische Cluster:

  • Effizienz: Druckluft, Wärme, Motoren, Gebäude, Prozessoptimierung
  • Elektrifizierung: Wärme/Prozess, Fuhrpark, interne Logistik
  • Energie: Eigenstrom, PPAs, Grünstrom, Lastmanagement
  • Material & Einkauf: Recyclinganteile, Substitution, Lieferantenhebel
  • Produktdesign & Circular: Lebensdauer, Reparatur, Refurbishment
  • Logistik & Distribution: Routen, Modal Shift, Verpackung

Pro Tipp: Markiere jede Maßnahme sofort mit „Datenlage: A/B/C“ (gut/mittel/schwach). Das spart später Diskussionen.

Schritt 4: Wirkung je Maßnahme quantifizieren (tCO₂e + Constraints)

Jetzt rechnest du pro Maßnahme die CO₂-Wirkung:

  • Einsparung tCO₂e/Jahr (oder über Laufzeit)

  • Startzeit & Ramp-up (realistisch!)

  • Abhängigkeiten (z. B. Netzanschluss, Anlagenstillstand, Lieferant)

  • Einschränkungen: Capex-Limit, Personal, Standort, Technologie-Reife

Das Ziel ist nicht wissenschaftliche Perfektion, sondern vergleichbare Größenordnungen.

Das Ergebnis von Schritt 4: tCO₂e-Schätzung und Realisierungsfenster pro Maßnahme.

Schritt 5: Business Case je Maßnahme rechnen (Capex/Opex, ROI, €/tCO₂)

Hier passiert der „Gamechanger“: Du rechnest nicht nur CO₂, sondern Return. Genau so beschreibt Axel Berger die Logik:

„Hinter jede Reduktionsmaßnahme einen Business Case stellen“, um zu sehen, ob und wie sich Investitionen verzinsen."

Mindestens sollten die folgende Parameter in die Berechnungen einfließen:

  • Capex (Invest)
  • Opex (laufende Kosten)
  • Einsparungen (Energie/Material/Wartung)
  • Payback / NPV / IRR (je nach Finance-Standard)
  • €/tCO₂ (Vermeidungskosten):
    • vereinfacht: (Netto-Kosten pro Jahr) / (tCO₂e pro Jahr)
    • wenn Netto-Kosten negativ → „verdient Geld“ (No-Regret)

Wichtig: Wenn du weißt, dass du dekarbonisieren kannst und eine positive Verzinsung hast, solltest du die Maßnahme direkt machen.

Das Ergebnis von Schritt 5: CFO-fähige Business-Case-Karte pro Maßnahme.

Schritt 6: MAC-Kurve bauen & priorisieren (Portfolio-Logik)

Jetzt sortierst du Maßnahmen nach €/tCO₂ (von „Geld verdienen“ bis „kostet Geld“). Daraus entsteht die klassische MAC-Kurve. So priorisierst du in der Praxis:

Bucket A – No-Regret:

  • Positive Rendite / kurze Amortisation
  • Niedrige Komplexität => Sofort in Umsetzungsprogramm

Bucket B – Strategische Hebel:

  • Größere CO₂-Wirkung, mittlere Rendite
  • Abhängigkeiten/Investitionsfenster => In Roadmap mit Sequenz

Bucket C – Pflicht/License-to-operate:

  • Geringe Rendite, aber z. B. kundenseitig gefordert (SBTi/Scope3) => Mit Kunden- und Preislogik koppeln (Ausschreibungen, Pricing, Portfolio)

Genau diese Stakeholder-Logik steckt im Podcast-Beispiel: Kunden fordern SBTi-Ziele, Shareholder wollen Reduktion sehen – und über zentrale Aggregation können Unternehmen Regulatorik „ohne zusätzlichen Aufwand“ bedienen.

Das Ergebnis von Schritt 6: Prioritätenliste + Sequenz (was zuerst, was danach).

Schritt 7: Roadmap, Governance, Tooling (damit es nicht beim „Plan“ bleibt)

Die MACC-Analyse ist wertlos, wenn sie nicht in Routinen landet:

  • Budget-Zyklus: MACC-Portfolio in Capex-Planung integrieren
  • Entscheidungsroutinen: monatliches Review, quartalsweise Portfolio-Update
  • Ownership: Finance + Operations + Nachhaltigkeit gemeinsam (kein Silo)

Und wichtig: Daten & Maßnahmensteuerung gehören zusammen. Im Podcast-Beispiel wurde die Transparenz deshalb in ein zentrales Tool gepackt: CO₂-Buchhaltung + MACC-Logik, so dass man einzelne Maßnahmen gruppenweit steuern kann.

Wenn du dafür eine Plattform nutzt: Entscheidend ist weniger „welches Tool“, sondern Daten-Owner, Schnittstellen und Governance, damit Daten wirklich in Managemententscheidungen fließen.

Das Ergebnis von Schritt 6: Umsetzungsroadmap plus Governance-Setup plus KPI-Set.

6 typische Stolpersteine (und wie du sie vermeidest)

  1. Scope-Chaos: Zu groß starten → lieber 80/20 auf Hotspots.
  2. Doppelt zählen: Eine Maßnahme „spart“ CO₂, die andere spart dieselbe Energie nochmal.
  3. Wirkung ohne Ramp-up: Realistische Einführungszeit einplanen.
  4. Rendite ohne Realität: Einsparungen sind oft teilsicher – sauber mit Bandbreiten arbeiten.
  5. Roadmap ohne Governance: Ohne Routinen stirbt jede MAC-Kurve.
  6. Tool ohne Organisation: Datenqualität & Ownership müssen klar sein.

Fazit: MACC macht Dekarbonisierung investierbar

Die MACC-Analyse ist nicht „noch ein ESG-Tool“. Sie ist die Übersetzung von Nachhaltigkeit in CFO-Logik – und genau deshalb werden Gespräche plötzlich einfacher: Welche Maßnahme bringt wie viel CO₂-Reduktion – und was bedeutet das finanziell? Und wenn du CO₂-Kosten ohnehin als wirtschaftlichen Faktor auf dem Tisch hast, ist MACC der logische nächste Schritt: weg vom Reporting-Projekt, hin zur Steuerung.

Wenn du aus „CO₂-Ziel“ ein CFO-fähiges Maßnahmenportfolio machen willst: Wir unterstützen Mittelständler dabei, Hotspots zu identifizieren, Business Cases zu rechnen, eine MACC-Priorisierung aufzubauen und daraus eine umsetzbare Roadmap inkl. Governance zu machen. Am besten jetzt einfach gleich ein unverbindliches und kostenloses Erstgespräch vereinbaren!

Weitere Infos dazu auch in unserem Leistungsportfolio:

Wenn Sie das Gefühl haben, dass das Ihre Themen sind, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um mit uns darüber zu sprechen!

Lassen Sie uns miteinander sprechen!

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Dr. Martin Bethke

20 Jahre Erfahrung im Top-Management in multinationalen Unternehmen, Start-ups und NGOs. Falls Sie Fragen zu diesem Artikel oder Interesse an einer Zusammenarbeit haben, schreiben Sie mir oder besuchen Sie mich auf LinkedIn.