Zwei Tage Mannheim, zwei sehr unterschiedliche Redner, eine gemeinsame Botschaft. Auf dem SoS.26, dem Sustainability Summit von osapiens, sprachen mit Alberto Zamora ein Tech-Unternehmer mit frischem Einhornstatus und mit Dr. Robert Habeck ein ehemaliger Bundeswirtschaftsminister der Grünen. Zwei Perspektiven, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und doch kamen beide zur selben Schlussfolgerung: Nachhaltigkeit ist nicht das Risiko für Unternehmen. Das Risiko ist, sie nicht zu verstehen.
Das ist mehr als eine Floskel. Es ist eine präzise Beschreibung dessen, was sich gerade im Verhältnis von Nachhaltigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Kapitalzugang verschiebt. Und es betrifft mittelständische und familiengeführte Unternehmen unmittelbar, gerade weil viele von ihnen angesichts der Omnibus-Entlastungen versucht sind, das Thema auf Wiedervorlage zu legen.
Die Perspektive des Unternehmers: Nachhaltigkeit als Infrastruktur
Alberto Zamora, Mitgründer und Co-CEO von osapiens, machte am ersten Tag klar, wohin sich der Markt bewegt. Das Mannheimer Unternehmen, 2018 gegründet und nach der jüngsten Finanzierungsrunde mit Einhornstatus, will weg vom einzelnen Compliance-Tool und hin zum KI-getriebenen Betriebssystem für die nachhaltige Wirtschaft.
Die Kernidee dahinter: Bestehende ERP- und Datensilos werden nicht ersetzt, sondern über eine Plattform zu einem vernetzten Ökosystem verbunden. Hersteller, Lieferanten, Kunden, Aftermarket-Partner und Recycler arbeiten entlang der gesamten Wertschöpfungskette auf einer gemeinsamen Datenbasis, mit dem digitalen Produktpass als verbindendem Element. Aus Compliance wird Vernetzung, aus Vernetzung Resilienz und daraus schließlich Wertschöpfung.
Bemerkenswert war dabei die Nüchternheit beim Thema Künstliche Intelligenz. Statt KI-Euphorie gab es eine klare Reihenfolge: Der Return on Investment von KI ist nicht selbstverständlich, und KI ohne saubere, integrierte Daten bleibt inhaltsleer. Erst das Datenfundament, dann die Automatisierung. Spezialisierte KI-Agenten übernehmen anschließend wiederkehrende Aufgaben, vom Screening der Lieferkette auf Entwaldungsrisiken über die Überwachung von Lieferantenrisiken bis zur Diagnose von Energieausreißern in der Produktion. Immer mit Erklärbarkeit, Transparenz und mit dem Menschen als finale Entscheidungsinstitution.
Die strategische Botschaft an die anwesenden Unternehmen: Wer Nachhaltigkeit nur als regulatorische Pflichtübung behandelt, verschenkt ihren eigentlichen Wert. Wer sie als Transparenz- und Effizienzfrage begreift, baut eine Fähigkeit auf, die unabhängig von der Tagespolitik trägt.
Die Perspektive des Politikers: Nachhaltigkeit als Sicherheitsfrage
Bundeswirtschaftsminister a.D. Robert Habeck argumentierte am zweiten Tag aus einer ganz anderen Richtung und kam zum gleichen Ergebnis. Genau das machte seinen Auftritt so stark. Nicht das Klima stand im Zentrum seiner Rede, sondern die Sicherheit.
Sein Ausgangspunkt war der Februar 2022. Als damaliger Wirtschaftsminister erlebte er, wie abhängig Deutschland in sensiblen Bereichen tatsächlich war. Selbst die Rüstungsindustrie hing bei einzelnen, technologisch keineswegs exotischen Rohstoffen fast vollständig von unsicheren Quellen ab. Und auch Energie wurde zur politischen Waffe und zum Druckmittel. Die Lehre daraus: Abhängigkeit von unzuverlässigen Lieferanten ist kein Sparmodell, sondern ein strategisches Risiko. Und was für Energie gilt, gilt ebenso für Rohstoffe, seltene Erden und Technologie-Abhängigkeiten.
Daraus leitete Habeck eine Umdeutung ab, die für Unternehmen zentral ist: Elektrifizierung, Energieeffizienz und heimische Energieerzeugung sind heute weniger eine Klimafrage als eine Resilienzfrage. Was einst aus Nachhaltigkeitsgründen entwickelt wurde, kommt als Sicherheitsthema zurück, und zwar mit deutlich härterer ökonomischer Logik.
Sein Fazit hatte es in sich. Habeck prognostizierte, dass in den kommenden Jahren zunächst die Banken, dann die Versicherer und schließlich die Politik von Unternehmen verlangen werden, ihre Abhängigkeiten und Risiken zu kennen. Wer Kredite aufnehmen, sich versichern oder Förderungen erhalten will, muss seine Lieferkette verstehen und belegen können. Wer das nicht kann, bekommt am Ende kein Geld.
Wo sich beide treffen: Transparenz als Eintrittskarte
Damit schloss sich der Kreis zwischen den beiden Tagen. Was Zamora als Geschäftsmodell präsentierte, Transparenz und Daten über die gesamte Wertschöpfungskette, beschrieb Habeck als künftige Bedingung für den Zugang zu Kapital.
Diese Konvergenz ist der eigentliche Befund der SoS.26. Wenn Abhängigkeits-, Sicherheits- und Finanzierungsfragen zum Treiber von Nachhaltigkeit werden, dann ist Nachhaltigkeit keine Frage der Weltanschauung mehr, sondern der Wettbewerbsfähigkeit. Die Diskussion verlagert sich von der Moral in die Bilanz, und dort ist sie deutlich schwerer zu ignorieren.
Für den Mittelstand bedeutet das eine unbequeme, aber klärende Erkenntnis: Die Frage ist nicht mehr, ob Transparenz über die eigene Wertschöpfungskette nötig wird. Die Frage ist nur noch, wer sie zuerst verlangt, die Bank, der Versicherer, der Großkunde oder der Regulierer.
Was das konkret für mittelständische Unternehmen bedeutet
Aus beiden Vorträgen lassen sich drei Handlungsfelder ableiten, die wir in unserer Beratungspraxis täglich sehen:
- Abhängigkeiten kennen, bevor andere danach fragen: Die wenigsten Unternehmen können heute belastbar beantworten, von welchen Lieferanten, Rohstoffen und Regionen ihre Wertschöpfung kritisch abhängt. Eine strukturierte Risiko- und Wesentlichkeitsanalyse ist dafür der Ausgangspunkt, nicht als Berichtspflicht, sondern als Steuerungsinstrument. Wie dieser Schritt von der Berichtspflicht zur Steuerungsfähigkeit gelingt, haben wir bereits ausführlich beschrieben.
- Das Datenfundament vor der Technologie klären: Zamoras klare Botschaft gilt für jedes Unternehmen, unabhängig von der Plattformwahl: Keine Software und kein KI-Agent rettet eine schlechte Datenbasis. Wer zuerst klärt, welche Datenpunkte wirklich wesentlich sind und wie sie erhoben werden, holt aus jedem späteren System ein Vielfaches heraus und vermeidet teure Fehlinvestitionen.
- Führung und Organisation mitnehmen: Transparenz über Abhängigkeiten erzeugt unbequeme Wahrheiten und verändert Entscheidungswege. Ohne Führungskräfte, die diesen Wandel tragen und übersetzen können, bleibt jede Plattform ein Reporting-Werkzeug. Genau deshalb gehören Strategie, Daten und Führung zusammen gedacht, das ist der Kern unseres Beratungsansatzes als Transformationsbegleiter.
Fazit: Auf die Nachhaltigkeitsbremse zu treten ist die teuerste Option
Das osapiens SoS.26 hat gezeigt, dass die Nachhaltigkeitsdebatte gerade ihre Richtung wechselt. Aus einem Werte-Thema wird eine Überlebensfrage, aus der Pflicht nicht nur die Kür, sonder die Voraussetzung für zukünftige Wettbewerbsfähigkeit und Profitabilität. Ein Unternehmer und ein ehemaliger Minister, die aus entgegengesetzten Richtungen zur selben Schlussfolgerung kommen, sind dafür ein starkes Signal.
Für mittelständische Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer heißt das: Die aktuell diskutierten regulatorischen Entlastungen verschaffen Zeit, aber sie ändern nichts an der Richtung. Wer diese Zeit nutzt, um Abhängigkeiten zu verstehen, das Datenfundament zu legen und die eigene Organisation vorzubereiten, verwandelt eine vermeintliche Last in einen echten Wettbewerbsvorteil.
Wie Butterfly Effect Consulting Unternehmen dabei unterstützt
Sie möchten Nachhaltigkeit nicht nur berichten, sondern strategisch nutzbar machen? Wir unterstützen Unternehmen dabei, relevante Themen zu priorisieren, ESG-Daten in Strategie Steuerung zu übersetzen und Wandel organisatorisch wirksam zu verankern – von der Strategie bis zur Führung. Sprechen wir darüber:
Strategie & Entwicklung: Wenn der Kernhebel im Geschäftsmodell liegt (Wachstum, Resilienz, Umsetzbarkeit), arbeiten wir mit Formaten wie Strategie-Sprint oder Geschäftsmodell-Check – inklusive Entscheidungsvorlage, KPIs und Verantwortlichkeiten.
Organisation & Transformation: Wenn ESG-Anforderungen erfüllt werden müssen, übersetzen wir sie in eine praktikable Wesentlichkeit, ein prüfungssicheres Berichtskonzept und eine Governance-Struktur – mit dem Anspruch „ESG als Business Case“.
Führung & Trainings: Wandel gelingt nur mit starker Führung. Unsere Trainings stärken Ihre Mitarbeitenden und Führungskräfte – in ihrer Rolle, in der Kommunikation und im Umgang mit Veränderungen.
Sprechen Sie uns gerne zu diesen Themen an.
FAQ
1. Warum wird Nachhaltigkeit zur Frage der Wettbewerbsfähigkeit?
Weil Banken, Versicherer und Großkunden zunehmend Transparenz über Abhängigkeiten und Lieferketten verlangen. Wer diese Daten nicht liefern kann, riskiert schlechtere Konditionen oder den Verlust des Zugangs zu Kapital und Aufträgen.
2. Was sollte der Mittelstand jetzt konkret tun?
Drei Schritte: die eigenen Abhängigkeiten und wesentlichen Risiken analysieren, das Datenfundament vor jeder Software-Entscheidung klären und Führungskräfte auf die Veränderung vorbereiten.
3. Reicht es, auf die regulatorischen Entlastungen (Omnibus) zu warten?
Nein. Die Entlastungen verschaffen Zeit, ändern aber nichts an der Richtung: Transparenzanforderungen kommen zunehmend vom Markt und von der Finanzierungsseite, nicht nur vom Regulierer.


